Dieser Standpunkt erschien zuerst als Beitrag auf LinkedIn und wurde dort zum reichweitenstärksten Text des Autors. Hier die Fassung mit Quellen und Hintergrund.

Die Meldung, dass Ford Hunderte Ingenieure zurückholt, weil KI sie nicht ersetzen konnte, überrascht mich ehrlich gesagt nicht.

Der Hintergrund, mit Zahlen: Ford hat in den vergangenen drei Jahren rund 350 erfahrene Ingenieurinnen und Ingenieure eingestellt, viele davon frühere Mitarbeiter. Der Grund: Die KI-gestützte Qualitätskontrolle, unter anderem 900 KI-Kameras in der Fertigung, konnte das geschulte Auge erfahrener Techniker nicht ersetzen (TechCrunch, Forbes). Der zuständige Ford-Vizepräsident bringt es auf den Punkt: KI sei ein fantastisches Werkzeug, aber nur so gut wie das Wissen, mit dem man sie trainiert. Und genau dieses Wissen hatte man zuvor gehen lassen (Fox Business). Das Ergebnis der Kurskorrektur: In der J.D.-Power-Qualitätsstudie 2026 steht Ford erstmals seit 16 Jahren auf Platz 1 der Mainstream-Marken, bei Garantie- und Rückrufkosten spricht Ford-Chef Jim Farley von Hunderten Millionen Dollar Entlastung.

Die falsche Frage

Aus meiner Sicht wird in der aktuellen KI-Diskussion häufig die falsche Frage gestellt. Es geht nicht darum, welche Mitarbeiter KI ersetzen kann. Die entscheidende Frage lautet:

Welchen Prozess wollen wir eigentlich verbessern?

Genau hier scheitern momentan viele Unternehmen. Sie kaufen Lizenzen, testen Chatbots, bauen Agenten und automatisieren einzelne Aufgaben. Das sieht modern aus und sorgt intern oft für Begeisterung. Der eigentliche Wert entsteht dadurch jedoch selten.

Wenn ein Prozess heute ineffizient ist und ich ihn eins zu eins mit KI automatisiere, dann skaliere ich lediglich die Ineffizienz.

Das gilt nicht nur für internationale Konzerne. Im Gegenteil: Gerade im Mittelstand und im Handwerk sehe ich dieses Muster täglich.

Erst der Prozess

Viele Unternehmen beginnen bei der Technologie. Ich würde immer beim Prozess beginnen. Zuerst muss verstanden werden:

  • Wie läuft der Prozess heute wirklich?
  • Welche Schritte erzeugen echten Mehrwert?
  • Wo entstehen Wartezeiten, Medienbrüche und Doppelarbeit?
  • Welche Entscheidungen trifft heute ein Mensch und warum?

Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, beginnt aus meiner Sicht die eigentliche Arbeit. Dann wird der Prozess neu gedacht. Nicht digitalisiert. Nicht automatisiert. Sondern neu gestaltet.

Erst danach sollte KI eingesetzt werden. Dann kann sie Routineaufgaben übernehmen, Informationen zusammenführen, Entscheidungen vorbereiten oder komplette Arbeitsschritte beschleunigen. Genau dann entstehen Produktivität und Qualität gleichzeitig.

Werkzeugwissen reicht nicht

Dafür braucht es allerdings mehr als den Umgang mit ChatGPT oder einem Sprachagenten. Es braucht ein grundlegendes Verständnis dafür, wie KI funktioniert, wo ihre Stärken liegen und vor allem, wo ihre Grenzen sind. Wer das nicht versteht, wird KI häufig an den falschen Stellen einsetzen und anschließend enttäuscht feststellen, dass der erwartete Nutzen ausbleibt.

Der Ford-Fall zeigt dabei noch etwas Zweites, das gern überlesen wird: Ford hat die erfahrenen Leute nicht nur zurückgeholt, um Fehler zu finden, sondern auch, damit sie den Nachwuchs ausbilden und die KI-Systeme mit ihrem Wissen trainieren. Erfahrung ist nicht das, was KI ersetzt. Erfahrung ist das, womit KI erst gut wird.

Und genau deshalb greift auch die Schlagzeile zu kurz. Die Lehre aus Ford ist nicht: Holt die Menschen zurück und macht weiter wie vorher. Die Lehre ist: Lernt aus den Werten und dem Wissen der Erfahrenen und kombiniert beides. Menschen, die den Prozess verstehen, und KI, die ihn skaliert, erreichen zusammen, was keiner von beiden allein schafft. Das muss der Weg sein.

Die neue Rechnung: passgenau statt von der Stange

Wer seine Prozesse und Anforderungen erst einmal so genau versteht, gewinnt noch etwas, das in der Diskussion fast immer fehlt: eine völlig neue Position gegenüber Software von der Stange.

KI-gestützte Entwicklung hat die Kosten passgenauer Systeme drastisch gesenkt. Was früher Konzernen mit eigenen IT-Abteilungen vorbehalten war, ist heute für den Mittelstand erreichbar: das eigene Werkzeug, exakt entlang des eigenen Prozesses gebaut, statt des zwanzigsten Abos für ein System, das nur zu 60 Prozent passt.

Damit werden bindende SaaS-Modelle, die Betriebe über Jahre festlegen, plötzlich verhandelbar oder ganz überflüssig. Nicht, weil Mietsoftware schlecht wäre, sondern weil sie für den generischen Fall gebaut ist. Wer den eigenen Fall genau kennt, kann besser. Voraussetzung ist wieder dasselbe: den Prozess verstanden zu haben, bevor die erste Zeile gebaut wird.

Zwei Arten von Unternehmen

Ich bin überzeugt, dass wir in den nächsten Jahren zwei Arten von Unternehmen sehen werden:

Die einen nutzen KI als zusätzliches Werkzeug. Sie sparen hier und da etwas Zeit.

Die anderen verstehen ihre Prozesse bis ins Detail, gestalten sie neu und setzen KI gezielt als Bestandteil eines neuen Betriebssystems ein. Dort entstehen echte Wettbewerbsvorteile.

KI ersetzt aus meiner Sicht nicht den Menschen. Sie ersetzt schlechte Prozesse genauso wenig. Sie macht gute Prozesse außergewöhnlich effizient und schlechte Prozesse außergewöhnlich schnell. Genau darin liegt der Unterschied.